Buchtipp (Theater): Hirschfell, Anna Carlier

  • April 7, 2021

Eine schwangere Frau phantasiert über das zukünftige Leben ihrer ungeborenen Tochter. Eines ist sicher: Diese Zukunft wird alles andere als unproblematisch sein. In allen vier Zukunftsszenarien in "Hirschfell" scheint die Natur die Welt zurückzufordern. Der Meeresspiegel steigt, der Regen hört nicht auf, Schlamm strömt vorbei, die Erde verschrumpelt. An Bord eines Schiffes segeln Hunderte von Menschen ihrer letzten Hoffnung entgegen, jeder mit einem emotionalen Hilfstier. In einem anderen Szenario suchen sie in den Wäldern nach Hirschen, um sie zu häuten, damit sie Hirschfelle haben, die sie warm halten. Für Mensch und Natur in der postapokalyptischen Ära ist es nicht mehr fünf Minuten vor Mitternacht, sondern hoffnungslos spät. Zugleich ist das Buch ein liebevoller Brief einer Mutter an ihr Kind. In Sorge um die Zukunft und mit einer impliziten Entschuldigung steht sie machtlos und unwissend der Welt gegenüber, in der ihre Tochter aufwachsen wird. Das abstrakte und poetische "Hirschfell" lädt dazu ein, über eine Zukunft nachzudenken, in der der Mensch nicht mehr am Ruder ist.

Aus dem Niederländischen von Christine Bais.
Erschienen beim Verlag der Autoren GmbH & Co. KG am 22.01.2021
Dramaturgie/Lektorat: Thomas Maagh, Annette Reschke, Christoph Zabel

Zur Autorin:
Anna Carlier, geboren 1994 in Brüssel und lebt in Gent. Sie schreibt, spielt und macht gerne Theater und in ihren Theatertexten kreiert sie bevorzugt imaginäre Welten, die sich wie neue Wirklichkeiten anfühlen. 2017 schloss sie den Studiengang Drama an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Gent ab. Ebenfalls gründete sie 2016 die Theatergruppe Compagnie de Kolifokkers. Ihr Text "Hirschfell" war 2020 nominiert für den Taalunie Toneelschrijfprijs, dem wichtigsten Preis für Theaterliteratur im niederländischen Sprachraum.

Foto: © Yuri van der Hoeven